Wenn aus der Gegenwart Vergangenheit wird

Wenn aus der Gegenwart Vergangenheit wird

Die Kostbarkeit des Augenblicks

Es sind doch immer die kleinen Situationen im Alltag, die unser Zusammenleben mit unserem Hund so unfassbar wertvoll machen. Egal, ob spontane Aktionen oder gemeinsam ritualisierte Augenblicke: in diesem kurzen Moment bleibt die Welt stehen und zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht und verursacht in uns positive Gefühle, die uns wiederum Sicherheit und Zufriedenheit vermitteln. Eine innere Verbundenheit, die man nur hier kennt. Ein Zauber, den nur ein Hundebesitzer nachvollziehen und schätzen kann. Kennen wir ihn nicht alle: den Moment, wenn man die Kühlschranktür schließt und ganz genau weiß, dass große treue Hundeaugen um die Ecke schielen, in der Hoffnung einen guten Happen ab zu bekommen. Den Augenblick, wenn man zur Leine greift und dein Hund freudig um die Ecke kommt. Man kann Haus und Hof darauf verwetten, egal wie tief und fest der treue Freund schläft und schnarcht, sobald der Deckel des Joghurtbechers sich öffnet, sitzt er Sekunden später vor dem Sofa, voller Erwartungen die Reste genüsslich schielend auszuschlecken, um anschließend den sauberen Becher gemeinsam in den gelben Sack zu bringen. Man öffnet die Haustür und dein vierbeiniger Mitbewohner begrüßt dich mit ehrlicher Freude, sorglos und unbefangen. Der kurze schelmische Blick, bevor er mit einem riesen Satz beim Waldspaziergang in die nächste Schlammpfütze springt und sich genüsslich darin austobt – unbezahlbar. Jeder von uns kennt hunderte solcher Szenen in seinem Hundealltag und nur Hundebesitzer wissen, wie wertvoll und schön, verlässlich und unbeschwert diese Sekunden sind.

Tage vergehen, manche bewusst, manche viel zu schnell, denn es kam wiedermal der Alltag dazwischen.

…und ganz plötzlich wird aus der Gegenwart Vergangenheit

Es kommt der Tag, der für jeden Hundebesitzer seit Einzug seines Hundes, egal ob jung oder schon älter, unvorstellbar ist. Der Tag Abschied zu nehmen. Der Tag, an dem man plötzlich in der vertrauten Tierarztpraxis steht, nicht zum Impfen oder zu einer anderen Untersuchung, sondern um seinem Hund, der all die Jahre für dich da war, zur Seite zu stehen, um den letzten gemeinsamen Weg zu gehen. Der Kopf, der so oft gestreichelt wurde, liegt schützend in deiner Hand. Der einst schelmische Blick ist müde, erschöpft und leer…bis die Augen geschlossen und der letzte Atemzug gemacht wurde. Jeder, der schonmal seinen Hund verloren hat weiß, dass in diesem Moment auch immer ein Stück der eigenen Seele mitgeht. Man fühlt sich leer, taub und verlassen. Was bleibt ist eine Lücke, die man nie mehr schließen kann aber auch Erinnerungen, die einem keiner mehr nehmen kann.

Neben all der Trauer, dem Verlust und den Tränen kann da nicht auch eine gewisse Art der Dankbarkeit empfunden werden? Nämlich einen Hund, der viele Jahre ein schönes Leben hatte, in einer schweren Zeit der Krankheit im richtigen Augenblick zu erlösen?
Natürlich kämpft man um das Leben seines Hundes, aber wenn der Moment gekommen ist, sollte man dann die Seele nicht ziehen lassen? Ihm die Schmerzen nehmen und loslassen. Dankbar sein für viele schöne Momente. Momente, die man ohne ihn nie erlebt hätte und die einem niemand mehr nehmen kann. Dankbar sein, dass man das kranke oder alte Tier, für das man alles getan hat damit es ihm gut geht, nun erlösen und befreien darf.

Unabhängig, ob man einen geliebten Menschen oder Hund verliert, es ist aus Sicht der Hinterbliebenen immer ein unfassbarer Verlust und der Tod an sich ein negatives Ereignis. Doch versuchen wir mal diesen absolut verständlichen, menschlichen „Verlust-Egoismus“ des Hinterbliebenen für einen Moment außen vor zu lassen.

Betrachten wir die Situation aus einer anderen Perspektive:

Unsere Hunde leben, genießen und bewerten jeden Moment im Hier und Jetzt. Je nach Alter und Gesundheitszustand passen sie ihre Energien an. Es ist bewundernswert, dass älter werdende Hunde sich keinerlei Sorgen über ihre graue Schnauze oder ihre Altersvorsorge machen und sich (und uns) entschleunigen, um das Leben in einem langsameren Tempo, mit entsprechend angepasster Energie und Kraft zu genießen. Es ist etwas ganz Besonderes diese Entwicklung als Besitzer Schritt für Schritt zu beobachten, wahrzunehmen und anzunehmen. Eine ganz wertvolle Zeit, in der man sehr viel von seinem Senior lernen kann. Kommt der Zeitpunkt, an dem er körperlich abbaut, ihm das Laufen und sogar das Aufstehen schwerfällt oder er sonstige zehrende Krankheiten in sich trägt, merkt man, dass er sich zurückzieht und den Alltag passiver wahrnimmt. Die Lebensenergie in seinen Augen schwindet.

Natürlich gibt es auch jüngere Hunde, die durch einen Unfall oder eine plötzliche Krankheit von uns gehen. Hier ist es für den Besitzer noch unbegreiflicher, warum sein noch so junger Hund plötzlich nicht mehr an seiner Seite ist. Bei einem älteren Hund kann man sich Schritt für Schritt ein wenig mehr auf den Abschied vorbereiten, dies ist hier nicht möglich. Der Verlust scheint uns noch ungerechter zu sein.

Egal ob junger Hund oder Senior, beide können schwer verstehen, warum Spritzen, Tabletten, Operationen, Verbände und zahlreiche Arztbesuche ihm helfen sollen. Aber eins steht fest: Wir tun alles für eine gesundheitlich bessere Lebensqualität. Unabhängig, ob kranker Hund oder Mensch: wenn der Moment gekommen ist, an dem man nichts mehr tun kann und man gemeinsam genug gekämpft hat, ist es Zeit die Seele gehen zu lassen. Aus Sicht des Kranken ist der Weg in den Tod dann ein erlösender Moment, eine Befreiung. Schmerzen, Leid, Erschöpfung und Ängste schwinden und der Kampf ist endlich vorbei. Diese Erlösung können wir unserem Hund auf seinem letzten Weg schenken, zu einem Zeitpunkt, den wir gemeinsam mit unserem Tierarzt besprechen. Der Moment, wenn er ruhig und friedlich einschläft und alle Anspannung aus dem Körper schwindet.    

Selbstverständlich bleibt der Verlust.

Die Kühlschranktür schließt und keine Augen schauen um die Ecke. Die Pfützen im Wald bleiben unberührt.  Die Leine und das Halsband werden mit all seinen Erinnerungsstücken in eine Kiste gelegt. Der Alltag wird leise und leer. Was bleibt ist der Gedanke eine richtige Entscheidung für seinen geliebten Hund getroffen zu haben und all die vielen wunderbaren Erinnerungen, die einem niemand mehr nehmen kann.

Mit dem persönlichen Verlust, also der Lücke, die nun bleibt, umzugehen, ist ein nächster Schritt, der sehr wichtig ist: sich Zeit nehmen, um Erlebtes zu verarbeiten. Diese Zeit erfährt jeder auf seine Weise und jeder muss hier seinen eigenen persönlichen Weg finden. Nur wichtig ist, den Verlust zu verarbeiten, damit aus manch trauriger Szene irgendwann ein Augenblick wird, durch dessen Erinnerung man für einen Moment die Freude und Verbundenheit der Vergangenheit erneut kurz leben kann. Dann schafft man es Schritt für Schritt ein Stück dankbar zu sein, diese gemeinsame Zeit überhaupt erlebt zu haben und all das, was Dein Hund dich gelehrt hat in Dir weiterzutragen, damit irgendwann aus der Vergangenheit wieder Zukunft werden kann.

Betrachten wir rückblickend diese intensive, sehr belastende Zeit der Trauer, in der man den Verlust jede Minute vor Augen hat, dann wird einem an dieser Stelle umso klarer, wie kostbar doch jeder gemeinsame Tag, jedes gemeinsame Gassi und jeder einzelne Joghurtbecher ist. Wir leben die emotionale Phase der Trauer sehr intensiv und lassen jedoch meist zu, dass viele wunderbare Augenblicke im gemeinsamen Leben durch die Schnelllebigkeit des Alltags vorüberziehen.

Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.
(Lucius Annaeus Seneca)

Wir sollten die gemeinsamen Momente mit unseren Hunden viel bewusster wahrnehmen und genießen. Der Abschied ist ein Teil einer gemeinsam gelebten Zeit und gehört, wie der gemeinsame Start, dazu. Doch die gelebten Momente sind das, was Verbundenheit schafft und ganz intensiv wahrgenommen werden sollte.

Worte, die weder auf wissenschaftlicher Forschung basieren noch der Fantasie entsprungen sind. Gedankengänge, die durch persönliche gesundheitliche Erlebnisse gelebt, sowie durch den Abschied des eigenen geliebten Labrador Max durchlebt wurden und dadurch formuliert werden konnten.

Für Max – in ewiger Verbundenheit 
Simone 

 

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Team Coco

    Hallo Simone,
    super schöne Gedanken 👍
    vG Team Coco 🐾

  2. Petra Will

    Ja wir schätzen den Augenblick viel zu wenig.
    Und wir müssen dankbar sein wenn wir ein langes erfülltes Hundeleben dann beenden dürfen wenn es nicht mehr lebenswert ist.
    Diiese Freiheit der Entscheidung ist der letzte Liebesdienst für unseren Herzenshund.
    Mögen wir alle noch gaaaaaaaaaaanz lange Zeit mit unseren Fellnasen verbringen dürfen.
    Lg
    Petra

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